Hyperhidrose endlich besiegt!

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essence
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Hyperhidrose endlich besiegt!

Beitrag von essence » 25.Jan 2014, 1:55

Hallo Community,

ich kenne das Gefühl, mit dem man Threads wie diese aufruft.
Die Hoffnung dahinter, die Verzweiflung und die Vergangenheit voller Enttäuschungen.

Aber es ist so, wie ich es geschrieben habe: Ich habe meine Hyperhidrose besiegt.

Ohne Medikamente, ohne Chirurgie.
Ohne Manipulation von außen.

Ich habe in diesem Moment allerdings ein großes Problem.
Die Lösung ist nicht in drei Sätzen beschrieben. Und selbst wenn man sie in vielen Sätzen beschreibt, kann man sie zwar verstehen, aber noch lange nicht umsetzen.
Sie bedarf eines Prozesses, bestimmter Erfahrungen und Kontinuität.

Mein Prozess hat über 2 Jahre gedauert.

Ich fange am besten damit an, zu beschreiben, wie sich meine Hyperhidrose geäußert und entwickelt hat.

--------- Geschichte meiner HH -----------------------------

Der Anfang meiner Hyperhidrose kam schleichend. Ich kann mich nicht an einen genauen Zeitpunkt erinnern, wann es angefangen hat. Vielleicht schon beim Abitur. Definitiv aber während meines Studiums, als ich 21 war (nun bin ich 23).
Ich bemerkte, dass ich riesige Schweißflecken unter meinen Achseln hatte, als ich von der Uni nach hause gekommen bin.

Es hatte etwas damit zu tun, dass ich unter Menschen war.

Ich nahm meine HH "mit nach hause". Sprich, selbst wenn ich von meinem Studienort zu meinem Elternhaus gefahren bin, fing ich plötzlich an, unerklärlich zu schwitzen.
Selbst, wenn nur gute und altbekannte Freunde in meiner Nähe waren.

Es wurde immer mehr. Irgendwann sogar während der Klausurvorbereitung beim Lernen oder einfach nur so, wenn ich zuhause war.

Ich erinnere mich noch, wie ich damals in irgendeinem Forum was gepostet habe. Schon während des Verfassens des Textes liefen mir die Schweißperlen den Arm runter.
(Jetzt gerade sind meine Achseln staubtrocken.)

----------------------------------

Ich hatte sehr früh den Gedanken, dass das Schwitzen irgendwie psychisch ausgelöst wurde und googlete Begriffe wie "soziale Phobie" und versuchte zu verstehen, was da mit mir los ist.

Ich suchte letztendlich einen Therapeuten auf, der mir helfen sollte, die Symptome in den Griff zu kriegen.

Bis heute weiß ich nicht, welchen Anteil er hatte und welchen Anteil ich selbst an der Heilung hatte, da wir zum Teil sehr verschiedene Ansichten hatten.

Ich bin mir allerdings jetzt sehr sicher, die Krankheit verstanden zu haben und ich versuche, im Folgenden sie zu erklären (noch keine Heilungsmethode, nur eine Erklärungstheorie).

------ Erklärungsmodell der HH --------

Zunächst möchte ich aufzeigen, welche Theorie ich für absolut sinnlos und auch nicht hilfreich halte.

Es ist die Theorie, dass die HH das Symptom einer Sozialen Phobie ist.

Die Theorie der Sozialen Phobie im Kontext der HH besagt, dass das vermehrte Schwitzen in Gesellschaft ein Symptom von Angst vor den Menschen an sich ist.
Die Heilungsstrategie ist dann die Konfrontation, sprich man solle so lange unter Leute gehen, wie die HH nachlässt und damit wäre die HH geheilt.

Das ist Quatsch. Es hat nicht funktioniert. Ich bin monatelang unter Leute gegangen, habe mich gezwungen aber es wurde nicht besser.

Das Gefühl war auch kein Gefühl der Angst. Ich hatte keine Angst davor, in der Nähe von Menschen zu sein. Ich hatte nur keine Lust auf das Schwitzen, das irgendwie nur ein körperliches Symptom war. Ich hatte keine Lust auf diesen inneren Stress, der da entstanden ist.
Wer eine Spinnenphobie oder ähnlich hat, weiß, wie anders sich eine Angst anfühlt.



Doch was passiert wirklich bei der HH?

Ich werde hier in "ich-Form" schreiben.

Der Schweiß hat einen Sinn.
Er ist ein notwendiges Symptom auf einen inneren psychischen Konflikt.
Er dient dem energetischen Ausgleich verdrängter emotionaler Energie.

Die Menschen, denen ich nahe bin, wenn ich schwitze, erinnern mich (unterbewusst) an etwas.
Es ist etwas, das vor Ausbruch der HH passiert ist und es kann mehr als ein Ereignis sein.

Es hat etwas mit der Nähe zu Menschen zu tun, aber es ist die Kehrseite davon.

Es hat etwas mit der Trennung von Menschen zu tun.
Der Abwesenheit von Nähe, die vorher da war.

Menschen, die ich liebte. Menschen, die nicht mehr da sind oder mich nicht lieben können.

Trennung. Scheidung. Tod. Sich-aus-den-Augen-verlieren...

Es sind die Dinge, an die ich mich jetzt wahrscheinlich nicht erinnere, aber die mit der Zeit hochkommen können, wenn ich mich damit beschäftige.

Es ist verdrängte Trauer.

Verdrängte Trauer, die getriggert wird, wenn ich Menschen und damit eigentlich dem Gefühl von Nähe und Liebe nahe bin.

Dabei ist es belanglos, ob das die Kassiererin im Supermarkt, die Arbeitskollegin oder ein Freund ist.

Jeder Mensch ruft ein Gefühl der Nähe hervor, auch wenn man sich nicht gut mit der Person versteht.

Darum schwitzen wir.
Weil das eigentlich Gefühl nicht gefühlt werden kann.

Wie wurde Trauer in meiner Kindheit behandelt? Wann habe ich das letzte mal geweint? Lassen mich Abschiede von geliebten Menschen "kalt"?
Tun sie dies wirklich?

Gab es Abschiede, die ich verdrängt habe? Wer ist es?

---------------------

Das ist meine HH gewesen.
Das ist die Theorie, die mir die Heilung gebracht hat und zum Teil auch schon ein Hinweis auf die Wege der Heilung.

Es ist unglaublich kompliziert, hier einen mustergültigen Weg zu beschreiben, der einen ans Licht führt.

Ich kann zum Schluss nur einige hilfreiche Links hier lassen, die mir sehr geholfen haben.

Wenn ihr Fragen habt, wendet euch an mich, gerne auch in einer PN.

Hier die wichtigsten Links:

http://lebens-trauerberatung.org/Selbsttest.php

Meditation (nur in absoluter Ruhe und im Liegen ungestört hören):
http://www.youtube.com/watch?v=hVcR6PxabEg

Samarpan:
http://www.youtube.com/watch?v=i6pBgtDEDSI
(und alle seiner Videos auf Youtube, einfach nach "Samarpan" suchen)

Mike Hellwig:

http://www.youtube.com/watch?v=EYTEqggQmto
(inklusiver aller seiner Videos auf seinem Kanal:
http://www.youtube.com/user/MikeHellwig?feature=watch )


Wichtig:

Verdrängung hat immer mit Angst zu tun. Alle diese Links haben den Zweck, Verdrängung zu lösen und die verdrängte Emotion zu durchleben.
Es ist nichts für zwischendurch. Sucht euch Zeit und Ruhe ohne Störungen. Seit darauf vorbereitet, dass heftige körperliche/emotionale Reaktionen auftreten können.
Nehmt euch die Zeit, die ihr braucht. Wenn es das Richtige für euch ist, werdet ihr es merken und eure Neugierde wird von alleine erwachen.

Seid wachsam. Schaut genau, was mit eurem Körper passiert.

Das ist der erste und wichtigste Schritt. Die Verbindung zum Körper wiederaufzubauen. Jetzt und gleich. Heute und morgen. Zuhause und draußen.

Schaut hin, was gerade los ist. Bin ich nervös? Schwitze ich? Zittere ich?
Das sind alles wichtige Fragen. Euer Körper spricht mit euch, seht die Symptome als wichtige Hinweise an.

Schöne Grüße

Julius

DaniDan
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Re: Hyperhidrose endlich besiegt!

Beitrag von DaniDan » 27.Jan 2014, 16:19

Hallo Julius.

Vorab: Ich freue mich natürlich riesig für dich, dass du einen Weg gefunden hast deine HH zu besiegen. Dein Post klang diesbezüglich auch nach einem langen und mühevollem Weg zu Ziel.

Leider glaube ich, dass nicht jeder denselben Weg gehen kann wie du, denn nicht immer ist HH ein Symptom einer sozialen Phobie. Deine Erfolgsgeschichte basiert ja darauf, dass du die Ursache deiner HH gefunden und dann quasi das Übel an der Wurzel gepackt und beseitigt hast.

HH kann allerdings sowohl als thermoregulatorisches, als auch emotional bedingtes Schwitzen auftreten (letzteres also wohl in deinem Fall). Bei ersterem wird eine Therapie aber nicht allzu viel helfen, weil anders als beim emotional bedingten Schwitzen, hier nicht das lymbische System sondern der Hypothalamus die Ursache des starken Schwitzens ist.

Grüße,
Dan

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Re: Hyperhidrose endlich besiegt!

Beitrag von essence » 27.Jan 2014, 21:06

Klar, deswegen die ausführliche Situationesbeschreibung.

Wurde die spezifische neuronale Aktivität bei verschiedenen Formen der HH eigentlich schon untersucht? Wenn du Quellen hast, kannst du sie mir gerne schicken, bin da sehr interessiert.

Schöne Grüße

Julius

essence
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Re: Hyperhidrose endlich besiegt!

Beitrag von essence » 20.Mär 2015, 0:08

Da ja hier momentan nicht nur ich mit einer ursachendenbekämpfenden Lösung antrete (Grüße an LiN ;) ), möchte ich diesen Thread noch ein mal updaten.

Was ich bisher geschrieben habe, soll inhaltlich in allgemeinerer Form wegen neuer Erfahrungen ergänzt werden:

Die verdrängte Trauer, von der ich spreche, muss sich nicht unbedingt auf zwischenmenschliche Beziehungen an sich beziehen.
Sie kann auch entstanden sein durch negative Erfahrungen bei der Äußerung bestimmter Emotionen / Regungen.

Ganz nach dem klassisch-psychodynamischen Ätiologieverständnis wird der von außen bestrafte Impuls der Persönlichkeit nach und nach unterbewusst und jede entsprechende verdrängte emotionale Regung wird körperlich durch das Symptom abgeführt und nicht mehr bewusst wahrnehmbar.

Wenn man von solchen Störungsmodellen noch nichts gehört hat, klingt das wahrscheinlich nicht besonders greifbar, aber ich kann euch sagen, dass es für meine HH der einzige Heilungsweg ist und meine bisherige Erfahrung hat mir gezeigt, dass unterbewusste psychische Konflikte häufig ihren Ausdruck in einer HH finden können.

Ich möchte gerade diejenigen ermutigen, die nie an psychische Ursachen ihrer HH gedacht haben und ihnen die Möglichkeit von kostenlosen Probesitzungen bei psychologischen Psychotherapeuten nahelegen. Solche unterbewussten Konflikte sind ja ihrem Wesen nach nicht wahrnehmbar, deshalb ist es schwer sie von sich aus von vornherein auszuschließen.
Abschließend sei noch angemerkt, dass meiner Erfahrung nach nur tiefenpsychologisch oder analytisch ausgebildete Psychotherapeuten das richtige theoretische Fundament zur Heilung der HH besitzen. Kognitiv-lerntheoretische Therapeuten haben hierzu nicht die passenden Methoden, auch wenn sie es glauben.

Ich wünsche euch viel Erfolg bei eurer Heilung und stehe euch bei Fragen gerne zur Verfügung

Julius

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kevja
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Re: Hyperhidrose endlich besiegt!

Beitrag von kevja » 06.Jun 2015, 14:08

Tja, was soll man sagen? Auf jeden Fall Glückwunsch, ich freu mich für dich. Und die ganzen Links und Videos schau ich mir mal gemütlich übers Wochenende an, ob ich da auch was für mich selbst mitnehmen kann. Danke von mir!
Auch einer, der viel schwitzt...

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Re: Hyperhidrose endlich besiegt!

Beitrag von Lepidoptera » 08.Sep 2019, 19:19

Hallo Julius,

vielen Dank für deinen Kommentar und tiefenpsychologische Betrachtungsweise. Ich habe deinen Post schon häufiger gelesen und kann mich diesem nur anschließen. Ich denke auch das es viel um verdrängte Gefühle oder nicht gelebte Anteile geht, die sich körperlich zeigen. Der Körper ist hier der Übersetzer der Seele ins Sichtbare.

Beim mir weiß ich , dass es verschiedene traumatische (hier im Sinne von mir alleine nicht zu bewältigende) Situationen gab, die teilweise in meine frühkindliche Zeit und auch danach reichen. Leider konnten zwei Therapien und ein Klinikaufenthalt noch keine Linderung verschaffen.

Gerade wenn die negativen Erlebnisse sehr früh geschehen sind, ist es schwer über verbale Therapieverfahren an diese verdrängten Erinnerungen zu kommen und sie aufzulösen. Ich versuche es daher über Körpertherapie, die leider nicht von der Krankenkasse bezahlt wird.
Da ich durch meine starke Hyperhidrose am ganzen Körper, sowohl in privaten wie im beruflicher Hinsicht sehr eingeschränkt bin, kann ich meine Potentiale schwer entfalten und pendele auch häufig in eine Depression. Das erschwert wiederum ein geregeltes Arbeitsverhältnis und die Möglichkeit , dass Geld für die Körpertherapie zu verdienen.

Mich würde noch interessieren, wie es dir heute (2019) mit der Hyperhidrose geht und ob ich mit dir auch privat Kontakt aufnehmen kann.

Mit besten Grüßen
Mark

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